Warum Frauen doppelt so häufig unter CMD leiden – was Hormone damit zu tun haben

Die Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) betrifft Frauen deutlich häufiger als Männer.
Eine systematische Übersichtsarbeit von Bueno et al. (2018) zeigt, dass Frauen etwa doppelt so häufig an CMD leiden (Odds Ratio ≈ 2,24).

Doch warum ist das so?
Die Antwort liegt in einem komplexen Zusammenspiel aus Hormonen, Schmerzverarbeitung und psychosozialen Faktoren.
Besonders das Hormon Östrogen spielt dabei eine Schlüsselrolle: Es beeinflusst Bindegewebe, Muskelspannung und die Schmerzempfindung – und macht das weibliche Kausystem anfälliger für Dysfunktionen.

Im Rahmen des biopsychosozialen Krankheitsmodells erklärt die Forschung, wie biologische, psychologische und soziale Achsen bei Frauen zusammenwirken.


1. Die biologische Achse: Östrogen und Gewebe

Östrogenrezeptoren finden sich in hoher Dichte im Kiefergelenk, der Kaumuskulatur und im Bindegewebe.
Dadurch wirken hormonelle Schwankungen direkt auf die Stabilität und Belastbarkeit des Kausystems.

  • Bindegewebe und Stabilität:
    Laut der systematischen Übersichtsarbeit von Zieliński & Pająk-Zielińska (2024) beeinflussen Östrogene die Elastizität der Gelenkkapsel und der Bänder.
    Hormonelle Schwankungen – etwa während des Menstruationszyklus – können zu einer vorübergehenden Lockerung des Bindegewebes (Laxität) führen.
    Das erhöht die Anfälligkeit für Diskusverlagerungen und muskuläre Dysbalancen.
  • Muskelspannung:
    Östrogene regulieren die Kalziumkanäle und neuromuskulären Rezeptoren der Muskulatur.
    Dadurch kann sich die Muskelspannung abhängig vom Zyklus verändern – ein Mechanismus, der zyklusabhängige Kieferschmerzen erklären kann.

Diese hormonell bedingten biomechanischen Effekte machen das Kausystem von Frauen sensibler gegenüber funktionellen Belastungen.


2. Die psychophysische Achse: Schmerzverarbeitung und Stress

Neben biologischen Unterschieden spielen auch neurophysiologische und psychosoziale Faktoren eine entscheidende Rolle.

  • Erhöhte Schmerzsensibilität:
    Bartley & Fillingim (2013) zeigen, dass Frauen im Durchschnitt eine geringere Schmerzschwelle und eine höhere Empfindlichkeit auf wiederholte Reize aufweisen.
    Diese Unterschiede hängen mit hormonellen Effekten auf Neurotransmitter-Systeme (z. B. Serotonin, Dopamin) und die zentrale Schmerzmodulation zusammen.
  • Stress als Verstärker:
    Stress aktiviert die „Achse II“ des CMD-Modells – die psychosoziale Komponente.
    Die Wissenschaftliche Mitteilung der DGFDT (2022) weist darauf hin, dass chronischer Stress und emotionale Anspannung zu Bruxismus (Zähneknirschen) führen können.
    In Kombination mit hormonell bedingter Schmerzsensibilität verstärkt sich die CMD-Symptomatik oft deutlich.

3. Die hormonellen Fenster: Zyklus und Menopause

Nicht nur die Hormonspiegel selbst, sondern vor allem ihre Schwankungen bestimmen, wie stark CMD-Symptome ausgeprägt sind.

  • Menstruationszyklus:
    Phasen mit niedrigerem Östrogenspiegel sind häufig mit erhöhter Schmerzempfindlichkeit verbunden.
    Zieliński (2024) beschreibt, dass hormonelle Schwankungen die Schmerzmodulation im zentralen Nervensystem direkt beeinflussen.
  • Menopause:
    In der Menopause fällt der Östrogenspiegel dauerhaft ab.
    Eine Beobachtungsstudie von Galhardo et al. (2022) zeigte, dass Frauen mit stärkeren menopausalen Symptomen auch intensivere CMD-Schmerzen berichteten – insbesondere in der späten Übergangsphase.
    Eine neuere systematische Übersichtsarbeit von Alam et al. (2024) fand dagegen keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer Hormontherapie (HRT) und einem erhöhten TMD-Risiko.
    Das spricht dafür, dass Hormone ein Verstärkungsfaktor, aber nicht die alleinige Ursache sind.

Fazit: Gender-sensible CMD-Diagnostik und Therapie

Die erhöhte CMD-Prävalenz bei Frauen verdeutlicht die Komplexität des biopsychosozialen Modells.
Hormonelle, muskuläre und psychische Faktoren wirken zusammen – und müssen auch gemeinsam behandelt werden.

Eine erfolgreiche CMD-Therapie bei Frauen sollte daher:

  • den Hormonstatus (Zyklus, Menopause, hormonelle Medikation) berücksichtigen,
  • interdisziplinär erfolgen – mit Einbindung von Zahnärzten, Physiotherapeuten, Gynäkologen und Psychologen,
  • und gezielt auf Stressreduktion und muskuläre Entspannung setzen.

So kann nicht nur der Schmerz reduziert, sondern auch die hormonelle Verstärkung langfristig abgefangen werden.


Quellenverzeichnis

  1. DGFDT et al. (2022): Wissenschaftliche Mitteilung zur Therapie craniomandibulärer Dysfunktionen (CMD).
    PDF ansehen
  2. DGZMK / DGFDT et al. (2024): S2k-Leitlinie – Okklusionsschienen zur Behandlung craniomandibulärer Dysfunktionen.
    AWMF 083-051
  3. Bueno CH et al. (2018): Gender differences in temporomandibular disorders in adult populational studies: a systematic review and meta-analysis.
    J Oral Rehabil. 45(9): 720–729. PubMed 29851110 / DOI 10.1111/joor.12685
  4. Zieliński G & Pająk-Zielińska B. (2024): Association between Estrogen Levels and Temporomandibular Disorders: An Updated Systematic Review.
    Int J Mol Sci. 25(18): 9867. DOI 10.3390/ijms25189867
  5. Galhardo APM et al. (2022): Temporomandibular disorder correlates with menopausal symptoms?
    Menopause. 29(6): 709–716. PubMed 35544600
  6. Alam MK et al. (2024): Temporomandibular disorders and hormonal changes in women – a systematic review.
    BMC Oral Health. 24: 781. PubMed 38229132
  7. Bartley EJ & Fillingim RB. (2013): Sex differences in pain – clinical and experimental findings.
    Br J Anaesth. 111(1): 52–58. DOI 10.1093/bja/aet127

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