CMD und Tinnitus – Wenn das Ohrensausen vom Kiefer verursacht wird

Leiden Sie unter Tinnitus, der einfach nicht verschwindet?
Oft steckt CMD dahinter – eine Kieferfehlfunktion, die Ohrgeräusche auslöst.
Erfahren Sie, wie Sie die wahre Ursache erkennen und mit moderner CMD-Therapie Pfeifen, Rauschen oder Dröhnen im Ohr endlich lindern können.


CMD und Tinnitus: Die unterschätzte Verbindung

Tinnitus – das chronische Ohrensausen, Klingeln oder Brummen – kann die Lebensqualität massiv beeinträchtigen.
Während die Ursache oft im Innenohr gesucht wird, zeigen Studien einen engen Zusammenhang zwischen Craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) und Tinnitus
(Skog et al., 2019; Omidvar & Jafari, 2019).

CMD kann Tinnitus nicht nur auslösen, sondern auch verstärken. Der Grund liegt in der engen neuroanatomischen Verbindung zwischen Kiefer, Nacken und Ohr.


1️⃣ Die nervale Fehlverschaltung – Somatosensorischer Tinnitus

Bei CMD handelt es sich häufig um einen somatosensorischen Tinnitus, also eine Form, bei der körperliche Reize aus dem Kiefer- oder Nackenbereich das Ohrgeräusch beeinflussen.

Trigeminus-Verschaltung:
Der Nervus trigeminus (5. Hirnnerv), zuständig für Kaumuskulatur und Kiefergelenk, ist im Hirnstamm mit dem Hörnerv (Nervus vestibulocochlearis) verschaltet.
Durch diese Verbindung können Fehlreize aus der Kaumuskulatur die Hörbahn stimulieren – das Gehirn interpretiert sie fälschlich als Ton.

Fehlspannung als Auslöser:
Verspannte Kaumuskeln, nächtliches Pressen (Bruxismus) oder Fehlbissmuster erzeugen Dauerreize, die im Hirnstamm eine Überaktivität der auditorischen Zentren verursachen
(Saczuk et al., 2024).


2️⃣ Anatomische Nähe und Druckwirkung

Das Kiefergelenk liegt direkt vor dem Ohr – im Bereich des Felsenbeins, wo sich auch das Innenohr befindet.
Dauerhafte CMD-Belastungen können durch Druck oder Entzündung das Innenohr beeinflussen.

Mechanischer Stress:
Chronischer Bruxismus oder eine Kieferfehlstellung erhöhen den Druck in der Gelenkpfanne und reizen umliegende Strukturen.
Dies erklärt, warum Patienten mit CMD häufig zusätzlich Ohrdruck, Ohrenschmerzen (Otalgie) oder Schwindel erleben
(Omidvar & Jafari, 2019).


3️⃣ Stress als Verstärker im biopsychosozialen Teufelskreis

Stress ist ein entscheidender Verstärker.
Er führt zu erhöhter Muskelspannung und nächtlichem Pressen (Bruxismus) – was den Tinnitus triggert.
Umgekehrt verstärkt der Tinnitus selbst Angst, Stress und Schlafprobleme.
Die Folge: ein Teufelskreis aus Anspannung, Fehlbelastung und Ohrgeräuschen
(DGFDT 2022).


Evidenz: Wann Tinnitus CMD-assoziiert ist

Die wissenschaftliche Evidenz zeigt klare Zusammenhänge:

  • Höhere Prävalenz: Patienten mit CMD leiden signifikant häufiger unter Tinnitus als gesunde Kontrollgruppen
    (Skog et al., 2019).
  • Somatosensorisches Merkmal: Wenn sich der Tinnitus beim Kauen, Beißen oder Pressen verändert, ist meist eine CMD beteiligt
    (Saczuk et al., 2024).
  • Therapieeffekt: CMD-Behandlung kann die Tinnitusintensität reduzieren
    (Bury et al., 2025).

Die interdisziplinäre Therapie ist der Schlüssel

1️⃣ HNO-Abklärung als Basis

Zunächst muss der HNO-Arzt organische Ursachen wie Hörsturz, Lärmschaden oder Otosklerose ausschließen.
Bleibt der Befund unauffällig, liegt die Ursache häufig im Kausystem.

2️⃣ Zahnärztliche Initialtherapie

Okklusionsschienen (Relaxierungsschienen) sind die zentrale reversible Maßnahme:
Sie entlasten Muskulatur und Kiefergelenk, reduzieren den Bruxismus und senken dadurch die Reizweiterleitung an den Hörnerv
(S2k-Leitlinie CMD 2024).

3️⃣ Begleitende Maßnahmen

Physiotherapie:
Gezielte manuelle Mobilisation der Kaumuskeln und der oberen Halswirbelsäule verbessert die neuromuskuläre Balance und reduziert die trigeminale Reizübertragung.

Psychologische Therapie:
Entspannungsverfahren und Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) helfen, Stress zu senken und die subjektive Lautstärke des Tinnitus zu reduzieren
(DGFDT 2022).


Fazit

Wenn Ihr Tinnitus trotz HNO-Therapie bestehen bleibt, lohnt sich eine CMD-Diagnostik.
Mit einer Kombination aus zahnärztlicher Schienentherapie, Physiotherapie und Stressregulation lassen sich die Kiefer-bedingten Ohrgeräusche häufig deutlich reduzieren – wissenschaftlich belegt und klinisch bestätigt.


Quellen

  1. DGFDT 2022 – Wissenschaftliche Mitteilung „Therapie craniomandibulärer Dysfunktionen (CMD)“
  2. S2k-Leitlinie CMD 2024 – Okklusionsschienen (AWMF 083-051)
  3. Skog C. et al., 2019 – Tinnitus as a Comorbidity to TMD (PubMed 30126027)
  4. Omidvar S., Jafari Z., 2019 – Association Between Tinnitus and TMD (PubMed 30991812)
  5. Bury N. et al., 2025 – TMD and Tinnitus Co-Occurrence: Systematic Review (PubMed 40142644)
  6. Saczuk K. et al., 2024 – Coexistence of Tinnitus & TMD (J Clin Med)

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