Kiefergeräusche gehören zu den häufigsten klinischen Zeichen einer Funktionsstörung im Kiefergelenk. Sie treten beim Kauen, Sprechen oder Gähnen auf und äußern sich als Knacken, Reiben oder Knirschen. Besonders häufig stehen sie im Zusammenhang mit Diskusverlagerungen und anderen inneren Derangements des Kiefergelenks
(Poluha et al., 2019; Manfredini et al., 2008; Mehndiratta et al., 2019).
1️⃣ Die Mechanik des Kiefergelenks – wie Geräusche entstehen
Das Kiefergelenk (TMJ) besteht aus Gelenkkopf, Gelenkpfanne und einer elastischen Gelenkscheibe (Diskus). Für eine reibungslose Funktion müssen diese Strukturen präzise übereinander gleiten. Bereits geringe Abweichungen der Diskusposition können zu typischen Klick- oder Reibegeräuschen führen
(Poluha et al., 2019).
Diskusverlagerung mit Reposition
Bei einer Diskusverlagerung mit Reposition liegt der Diskus in Ruheposition nach vorne versetzt. Beim Öffnen des Mundes „springt“ der Gelenkkopf über den Diskus – es kommt zu einem klar hörbaren Klick. Beim Schließen kann ein zweites Knacken auftreten, wenn der Diskus seine Position erneut verändert
(Poluha et al., 2019; Mehndiratta et al., 2019).
Diskusverlagerung ohne Reposition
Kehren Diskus und Gelenkkopf nicht mehr in ihre ursprüngliche Beziehung zurück, spricht man von einer Diskusverlagerung ohne Reposition. Typische Zeichen sind:
- eingeschränkte Mundöffnung
- verminderte Seitbeweglichkeit
- Reibegeräusche
- Blockade- oder Druckgefühl im Gelenk
In Bildgebungsstudien zeigt sich eine enge Korrelation zwischen Klickgeräuschen und strukturellen Veränderungen wie Diskusverlagerung und Diskusdeformation
(Loan et al., 2025).
Krepitation
Ein kontinuierliches Reiben oder Knistern (Krepitation) deutet eher auf degenerative Veränderungen der Gelenkoberflächen und knöcherne Umbauprozesse hin, wie sie im Rahmen einer Arthrose des Kiefergelenks vorkommen
(Mehndiratta et al., 2019).
2️⃣ Häufige Ursachen von Kiefergeräuschen
CMD-bedingte Kiefergeräusche haben selten nur eine Ursache. Meist greifen funktionelle, strukturelle und verhaltensbezogene Faktoren ineinander.
Parafunktionen
- nächtliches Zähnepressen oder -knirschen
- unbewusstes Zusammenbeißen am Tag
- einseitige, monotone Kaubelastung
Bruxismus gilt als wichtiger Risikofaktor für temporomandibuläre Störungen und kann Diskus und Gelenkstrukturen überlasten
(Manfredini et al., 2010).
Okklusion und Bisslage
Fehlkontakte im Gebiss, Zahnwanderungen, fehlende Zähne oder unzureichend angepasste Restaurationen können den Unterkiefer in eine unphysiologische Position zwingen. Das verändert die Bewegung des Gelenkkopfes im Gelenk und kann Diskusverlagerungen mit Klickgeräuschen begünstigen
(Poluha et al., 2019).
Haltungsfaktoren
Die Kopf- und Halswirbelsäulenhaltung beeinflusst die Biomechanik des Kausystems. Eine vorgestreckte Kopfhaltung verändert Muskelzüge und Gelenkbelastung – und kann zu einer veränderten Führung des Gelenkkopfes im Gelenk beitragen. In Studien wird ein enger Zusammenhang zwischen kraniozervikalen Merkmalen und TMD beschrieben
(Cuenca-Martínez et al., 2020).
Trauma und mechanische Überlastung
- Schleudertrauma
- Stürze mit Kieferaufprall
- Intubationen mit Zwangsüberöffnung
- lange Behandlungen mit stark geöffneter Mundstellung
Solche Ereignisse können innere Derangements (Diskusverlagerungen, Bandläsionen) auslösen, die sich klinisch als Knacken oder schmerzhafte Klickgeräusche bemerkbar machen
(Mehndiratta et al., 2019).
3️⃣ Geräuschtypen und ihre diagnostische Bedeutung
Nicht jedes Geräusch bedeutet „Schaden“ – und nicht jedes Knacken muss behandelt werden. Die Art, der Zeitpunkt und die Begleitsymptome sind entscheidend.
Isoliertes Knacken ohne Schmerz
In vielen Fällen treten Gelenkgeräusche ohne Schmerzen oder Funktionseinschränkungen auf. Klinische Leitfäden und Patienteninformationen betonen, dass isolierte Geräusche ohne Beschwerden häufig harmlos sind und keine invasive Therapie erfordern
(NIDCR, 2024).
Schmerzhafte Klickgeräusche
Werden Knackgeräusche von Schmerzen, Blockaden oder deutlichen Bewegungseinschränkungen begleitet, spricht dies eher für ein relevantes inneres Derangement. Bildgebende Studien zeigen, dass Klickgeräusche mit diskreten Diskusverlagerungen korrelieren, auch wenn die reine Geräuschanwesenheit kein perfekter Prädiktor ist
(Manfredini et al., 2008; Loan et al., 2025).
Reibegeräusche (Krepitation)
Krepitation wird häufiger bei degenerativen Gelenkerkrankungen beobachtet, etwa bei arthrotischen Veränderungen des Kiefergelenks. Radiologische Übersichtsarbeiten zeigen typische Zusammenhänge zwischen Gelenkflächenveränderungen und Reibegeräuschen
(Mehndiratta et al., 2019).
4️⃣ CMD, Kiefergeräusche und begleitende Symptome
Kiefergeräusche treten selten isoliert auf. Viele Patient:innen berichten über ein ganzes Bündel an Beschwerden:
- lokale Gelenkschmerzen oder Druckgefühl vor dem Ohr
- Spannungsgefühl oder Verspannungen in der Kaumuskulatur
- Kopfschmerzen, v. a. im Schläfenbereich
- Ohrsymptome (Druck, Rauschen, subjektive Geräusche)
- Schwindel, Unsicherheitsgefühl oder „Benommenheit“
Aktuelle Übersichtsarbeiten beschreiben TMD als Gruppe muskuloskelettaler Erkrankungen, die Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und Geräusche im Kiefergelenk verursachen können – häufig in Kombination mit Kopfschmerzen, Bruxismus und weiteren Beschwerden
(Kapos et al., 2020; Matheson et al., 2023).
5️⃣ Diagnostik bei Kieferknacken
Klinische Funktionsanalyse
Die Basisdiagnostik umfasst:
- ausführliche Anamnese (Beginn, Verlauf, Auslöser)
- Palpation der Kaumuskulatur und des Gelenkbereichs
- Auskultation bzw. Palpation von Klick- und Reibegeräuschen
- Messung von Mundöffnung und Seitbewegungen
- Beurteilung der Okklusion und Bisslage
Diagnostische Klassifikationssysteme wie die DC/TMD bieten strukturierte Kriterien zur Einordnung von Gelenkgeräuschen und Diskusverlagerungen
(Kapos et al., 2020).
Bildgebung
Die Magnetresonanztomographie (MRT) gilt als Referenzverfahren zur Darstellung der Diskusposition und innerer Gelenkveränderungen. Sie erlaubt die Beurteilung von Diskuslage, -morphologie und knöchernen Veränderungen
(Tomas et al., 2006; Manfredini, 2023).
Wichtig: Nicht jedes Knacken muss mit MRT untersucht werden. Die Indikation ergibt sich aus Schweregrad, Dauer und Begleitsymptomen.
6️⃣ Evidenzbasierte Therapieansätze bei Kiefergeräuschen
Aktuelle Evidenzreviews empfehlen bei TMD und Gelenkgeräuschen in erster Linie konservative, reversible Maßnahmen
(Matheson et al., 2023; NIDCR, 2024).
Manuelle Therapie und Physiotherapie
- gelenknahe Mobilisation (Translation, Distraktion)
- myofasziale Techniken im Bereich der Kaumuskeln
- Behandlung von Nacken- und Schultergürtel
- Verbesserung der Bewegungskoordination
Manuelle und physiotherapeutische Behandlungen können Schmerzen reduzieren und die Funktion verbessern – insbesondere im Rahmen eines multimodalen Konzepts
(Kapos et al., 2020).
Schienentherapie
Okklusionsschienen (z. B. Relaxierungs- oder Stabilisierungsschienen) dienen dazu,
- Parafunktionen zu reduzieren
- das Kiefergelenk zu entlasten
- muskuläre Hyperaktivität zu dämpfen
Studien zeigen, dass Schienentherapie – allein oder in Kombination mit weiteren Maßnahmen – zu einer Reduktion von Schmerzen und Klickgeräuschen beitragen kann
(Eraslan et al., 2021; Rady et al., 2022).
Verhalten und Belastungssteuerung
- harte oder klebrige Nahrung reduzieren
- bewusste Zahn-Entlastung („Zähne schweben lassen“)
- Kaugummi und exzessives Kauen vermeiden
- Stressmanagement, Schlafhygiene, Entspannungsverfahren
Viele Patient:innen berichten über eine spürbare Reduktion von Knacken und Spannungszuständen, wenn muskuläre Überlastung und Stress gezielt adressiert werden
(Matheson et al., 2023).
Wann ist Zurückhaltung sinnvoll?
Internationale Empfehlungen betonen, dass isolierte Gelenkgeräusche ohne Schmerzen und ohne Funktionsstörung in der Regel keiner invasiven Behandlung bedürfen. Irreversible Eingriffe (z. B. umfangreiche Einschleifmaßnahmen, aufwendige prothetische Rekonstruktionen oder Operationen allein aufgrund von Knacken) werden kritisch gesehen
(NIDCR, 2024; AHRQ, 2023).
7️⃣ Selbsthilfestrategien bei Kiefergeräuschen
Folgende Maßnahmen können Sie selbst umsetzen und damit die Gelenkmechanik positiv beeinflussen:
- Physiologische Ruheschwebe: Zunge am Gaumen, Lippen locker geschlossen, Zähne ohne Kontakt
- Extremöffnungen vermeiden: z. B. beim Gähnen, großen Bissen, Zahnarztbesuchen (Pausen einfordern)
- Beidseitiges Kauen fördern statt immer nur auf einer Seite zu belasten
- Wärme auf verspannte Muskeln (z. B. feuchtwarme Umschläge)
- Arbeitsplatzergonomie optimieren (Monitorhöhe, Sitzhaltung, Pausen)
- Stressmanagement: Atemübungen, Entspannungstechniken, Schlafroutinen
Diese Strategien ersetzen keine fundierte Diagnostik, können aber die Wirkung einer professionellen Behandlung unterstützen und das Risiko einer Chronifizierung reduzieren
(NIDCR, 2024; Matheson et al., 2023).
Fazit
Kiefergeräusche wie Knacken, Reiben oder Knirschen sind häufig ein Hinweis auf funktionelle Veränderungen im Kiefergelenk – meist im Sinne eines inneren Derangements mit Diskusverlagerung. Entscheidend ist jedoch nicht das Geräusch allein, sondern das Gesamtbild aus Schmerz, Funktion, Begleitsymptomen und individuellen Risikofaktoren.
Eine moderne, evidenzbasierte Behandlung setzt auf:
- sorgfältige Diagnostik
- konservative, reversible Maßnahmen
- interdisziplinäre Zusammenarbeit (Zahnmedizin, Physiotherapie, ggf. Schmerz- oder Psychosomatik)
- aktive Mitarbeit der Patient:innen (Selbsthilfe, Stress- und Belastungssteuerung)
So lassen sich nicht nur Kiefergeräusche, sondern auch Schmerzen und funktionelle Einschränkungen nachhaltig verbessern.
Quellen
- Poluha RL et al. (2019): Temporomandibular joint disc displacement with reduction: a review of mechanisms and clinical presentation. J Appl Oral Sci.
PubMed - Manfredini D et al. (2008): Temporomandibular joint click sound and magnetic resonance diagnoses of different disk positions. J Prosthet Dent.
PubMed - Mehndiratta A et al. (2019): Painful clicking jaw: a pictorial review of internal derangement of the temporomandibular joint. Pol J Radiol.
PMC - Loan HK et al. (2025): Correlation Between Clicking Sound Symptoms and Magnetic Resonance Imaging Findings in Patients with Temporomandibular Joint Internal Derangement.
PMC - Manfredini D et al. (2010): Relationship between bruxism and temporomandibular disorders: a systematic review. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol Endod.
PubMed - Cuenca-Martínez F et al. (2020): Cranio-cervical features associated with temporomandibular disorders: a systematic review and meta-analysis. Pain Med.
PMC - Kapos FP et al. (2020): Temporomandibular disorders: a review of current concepts in aetiology, diagnosis and management. Br Dent J.
PMC - Matheson EM et al. (2023): Temporomandibular disorders: Rapid evidence review. Am Fam Physician.
Artikel - Eraslan R et al. (2021): Effects of Different Therapeutic Modalities on the Clicking Sound and Quantitative Assessment of the Vertical and Lateral Mandibular Movements of Patients with Internal Derangements of the Temporomandibular Joint. Int J Prosthodont.
PubMed - Rady NA et al. (2022): The efficacy of anterior repositioning splints in patients with temporomandibular joint disc displacement with reduction.
PMC - NIDCR (2024): TMD (Temporomandibular Disorders) – Patienteninformation.
NIDCR - AHRQ (2023): Temporomandibular Dysfunction – Topic Brief.
AHRQ