Leiden Sie unter Hüftschmerzen, für die Röntgen, MRT und orthopädische Behandlungen keine klare Ursache liefern?
Dann könnte der Auslöser viel weiter oben liegen: im Kiefergelenk.
Die Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist eine Funktionsstörung des Kausystems, die über Muskel- und Faszienketten den gesamten Bewegungsapparat beeinflussen kann
(Imhoff et al., 2022).
Mehrere Studien zeigen Zusammenhänge zwischen CMD, veränderter Körperhaltung und Beschwerden im Bereich von Wirbelsäule und Becken
(Chaves et al., 2014,
Minervini et al., 2023).
Von Kiefer bis Hüfte: Die absteigende Schmerzkette
1️⃣ Muskuläre und fasziale Dysbalance
Eine Fehlstellung im Kiefergelenk oder ein chronischer Hypertonus der Kaumuskulatur (z. B. durch Bruxismus) verändert die Kopf- und Nackenhaltung.
Dies beeinflusst die gesamte Wirbelsäulenstatik.
Studien zeigen vermehrte Haltungsveränderungen bei Patienten mit CMD, insbesondere im Kopf-, Rumpf- und Beckenbereich
(Chaves et al., 2014,
Saito et al., 2009).
2️⃣ Kompensation in Wirbelsäule, Becken und Hüfte
Wenn sich die Kopfhaltung verschiebt, verändert sich auch der Körperschwerpunkt. Die Folgen können sein:
- funktioneller Beckenschiefstand
- asymmetrische Belastung der Hüftgelenke
- Schmerzen in Hüfte, Leiste oder ISG
Systematische Übersichten und klinische Studien deuten darauf hin, dass CMD und Okklusionsveränderungen mit Veränderungen der Wirbelsäulen- und Beckenhaltung korrelieren
(Chaves et al., 2014,
Saito et al., 2009,
Minervini et al., 2023).
Auch Schienenstudien zeigen Effekte auf die Wirbelsäulenhaltung – ein Hinweis darauf, dass der Kiefer Einfluss auf die Körperstatik ausüben kann
(Ferrillo et al., 2022).
3️⃣ Stress als Verstärker der absteigenden Kette
CMD ist ein biopsychosoziales Krankheitsbild – Stress verschärft muskuläre Spannung und fasziale Zugkräfte
(Imhoff et al., 2022).
Myofasziale Triggerpunkte in Kiefer- und Nackenmuskeln können Schmerzen in entfernte Regionen projizieren
(Fernández-de-Las-Peñas et al., 2010).
Aufsteigende vs. absteigende Kette
Die Kette funktioniert in beide Richtungen:
Absteigend:
CMD → veränderte Kopf- und Nackenhaltung → Rumpfstatik → Beckenrotation → Hüftschmerz
(Chaves et al., 2014,
Minervini et al., 2023)
Aufsteigend:
Hüft- oder Beckenproblem → Gangveränderung → Wirbelsäule → Kieferbelastung → CMD-Symptome
Für die aufsteigende Kette sind besonders Studien zu lumbopelvinen Schmerz und Beckenstabilisation relevant, die zeigen, dass gezielte Rumpf- und Beckenstabilisation Schmerzen und Funktion im Beckengürtel verbessern können
(Haakstad et al., 2015).
Nur eine funktionsorientierte Diagnostik zeigt, wo die Primärursache liegt.
Die interdisziplinäre Lösung
CMD sollte multimodal behandelt werden
(Imhoff et al., 2022).
Diagnostik
- CMD-Analyse beim spezialisierten Zahnarzt
- Haltungs- und Bewegungsanalyse durch Orthopädie oder Physiotherapie
Initiale reversible CMD-Behandlung
Okklusionsschiene
Entlastet Muskulatur und Gelenke und reduziert Fehlsteuerung des Kausystems
(S2k-Leitlinie CMD 2024).
Physiotherapie & Rumpfstabilisation
Manuelle Techniken und aktive Übungen für Kiefer, HWS, LWS und Becken, ergänzt durch Stabilisationsprogramme für den lumbopelvinen Bereich, können Hüft- und Beckenschmerzen deutlich reduzieren
(Ferrillo et al., 2022,
Haakstad et al., 2015).
Psychosoziale Unterstützung
Stressreduktionsmaßnahmen, Entspannung und ggf. psychologische Begleitung helfen, den Muskeltonus im gesamten Körper zu senken
(Imhoff et al., 2022).
Fazit
Wenn Hüftschmerzen trotz orthopädischer Therapie nicht besser werden, lohnt sich der Blick nach oben:
Kieferfunktion, Kopfhaltung und muskuläre Ketten können entscheidende Puzzleteile sein.
Die Kombination aus:
- CMD-Therapie (Schiene, Aufklärung, Selbsthilfe)
- gezielter Physiotherapie mit Fokus auf Wirbelsäule und Becken
- Rumpf- und Beckenstabilisation
- Stressreduktion
bietet eine realistische Chance, die „Kiefer–Hüfte“-Kette zu entlasten – und Hüftschmerzen nachhaltig zu reduzieren.
Quellen
- Imhoff B. et al. (2022) – Wissenschaftliche Mitteilung „Zur Therapie craniomandibulärer Dysfunktionen (CMD)“
https://www.dgzmk.de/documents/10165/2216101/WM_Therapie_CMD_2022.pdf - S2k-Leitlinie CMD 2024 – Okklusionsschienen (AWMF 083-051)
https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/083-051 - Chaves T.C. et al. (2014) – Static body postural misalignment in individuals with temporomandibular disorders. Braz J Phys Ther.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4311593/ - Saito E.T. et al. (2009) – Global body posture evaluation in patients with temporomandibular joint disorder. Clinics.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2671968/ - Minervini G. et al. (2023) – Correlation between Temporomandibular Disorders (TMD) and Posture… A Systematic Review with Meta-Analysis. J Clin Med.
https://www.mdpi.com/2077-0383/12/7/2652 - Ferrillo M. et al. (2022) – Effects of Occlusal Splints on Spinal Posture in Patients with Temporomandibular Disorders: A Systematic Review. Healthcare.
https://www.mdpi.com/2227-9032/10/4/739 - Haakstad L.A.H. et al. (2015) – Effect of a regular exercise programme on pelvic girdle and low back pain in previously inactive pregnant women: A randomized controlled trial. J Rehabil Med.
https://medicaljournalssweden.se/jrm/article/view/15520 - Fernández-de-Las-Peñas C. et al. (2010) – Referred pain from muscle trigger points in the masticatory and neck-shoulder musculature in women with temporomandibular disorders. J Pain.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20494623/